Analyse politischer Blogs

Die deutschsprachige deutsche Blogosphäre hat nicht den besten Ruf – einflussreiche (politische) Blogs sind relativ rar gesät und reichen noch lange nicht an den Einfluss großer US-amerikanischer Blogs wie etwa der Huffington Post heran. Die Diskussion um diese Bedeutungslosigkeit wird auch immer wieder angestoßen – zuletzt  vom Nachrichtenmagazin Spiegel. Trotzdem gibt es einige deutsche Politik-Blogs, die einflussreich und vor allem lesenswert sind. In den Wikio-Blogcharts zum Thema Politik sind die meistgelesenen und -verlinkten Blogs aufgeführt – diese Auswahl gehört sicherlich zu den einflussreichsten Blogs im deutschsprachigen Raum.

Der Spitzenreiter – Netzpolitik.org

An der Spitze steht netzpolitik.org, das federführend von Markus Beckedahl betrieben wird und sich mit netzpolitischen Themen wie Datenschutz, digitalen Bürgerrechten, eParticipation und Netzneutralität beschäftigt. Netzpolitik.org ist mit einem Autorenteam, einem YouTube-Kanal und einer facebook-Seite eines der am breitesten aufgestellten und am professionellsten betriebenen deutschen Blogs. Sein Gründer Markus Beckedahl ist ein deutscher Netzaktivist, er machte jüngst mit der Gründung des Vereins „Digitale Gesellschaft“ von sich reden und ist mittlerweile auch in den Mainstream-Medien ein gefragter Experte. Beckedahl engagiert sich bei der Grünen und ist unter anderem Mitglied der Enquête-Kommission Internet und digitale Gesellschaft des deutschen Bundestages. Zudem ist er einer der Veranstalter und Gründer der re:publica, der größten deutschen Konferenz rund um digitale Gesellschaft, Social Web und Netzpolitik.

Markus Beckedahl auf einer Veranstaltung der Grünen zum Thema Netzsperren:

Sein Blog netzpolitik.org gründete er 2002 und betreibt es seit 2004 in seiner jetzigen Form. Netzpolitik.org ist laut Selbstbeschreibung

„[…] ein Blog und eine politische Plattform für Freiheit und Offenheit im digitalen Zeitalter. Thema sind die wichtigen Fragestellungen der digitalen Welt und wir zeigen Wege auf, wie man sich selbst mit Hilfes des Netzes für digitale Freiheiten engagieren kann.“ (netzpolitik.org 2011)

Betrieben wird netzpolitik.org von der Agentur Newthinking Communications, die ihre Kunden bei Open Source-Strategien berät, Veranstaltungen im Bereich neue Medien und digitale Partizipation organisiert und Web-Lösungen für partzipative Web-Plattformen entwickelt (vgl. Newthinking Communications 2011).

Netzpolitik.org finanziert sich durch Werbung und den social payment-Dienst Flattr. Seit März 2011 wird die Werbefläche des Blogs von Zeit Online mit vermarktet, ein weiteres Indiz für die steigende Professionalisierung. Außerdem verfügt Netzpolitik.org mit der Tarent AG über einen Sponsor, der einen monatlichen Betrag bezahlt, und dafür eine fixe Werbefläche bekommt.

Da einige Kolleginnen und Kollegen die Top 5 der Blogcharts bereits ausführlich analysiert haben, möchte ich mich in der Folge auf einige weniger bekannte, aber dennoch lesenswerte Blogs konzentrieren und diese kurz vorstellen.

Sprengsatz

Auf dem Blog „Sprengsatz“ schreibt der ehemalige Journalist und Politikberater Michael Spreng. Er äußert sich seit Februar 2009 regelmäßig zu aktuellen politischen Themen und analysiert die innenpolitische Lage in Deutschland. Spreng war in seiner Laufbahn unter anderem Büroleiter des Bonner Büros von „Bild“ und Bild am Sonntag, Chefredakteur der Bild am Sonntag und des Kölner Express. 2002 wurde er Wahlkampfmanager von Edmund Stoiber bei dessen (erfolgloser) Kanzlerkandidatur (vgl. Sprengsatz 2011). Neben aktuellen Kommentaren gibt Spreng auch regelmäßig Anekdoten aus seiner Zeit als Journalist und Berater zum Besten, die einen Blick hinter die Kulissen der Welt von Medien und Politik erlauben. Michael Spreng ist zudem Gesellschafter des Mediennachrichtendienstes dwdl.de (vgl. ebd.).

Weissgarnix

Weissgarnix ist ein Blog mit dem Schwerpunkt auf Wirtschafts- und Politikthemen, es liegt in den Blogcharts derzeit auf Rang acht. Verantwortlich ist Thomas Strobl, außerdem bloggen noch zwei weitere Autoren. Thomas Strobl bloggt seit März 2009 auch bei den FAZ.Net Blogs auf Formfrei.

Inhaltlich nehmen die Artikel meist die herrschende (oder medial verbreitete) Meinung zu einem Thema aufs Korn und widerlegen bzw. kritisieren sie. Prominent lässt sich das z.B. an den Analysen zum Thema Schulden zeigen – Strobl vertritt die Ansicht, dass Schulden im Kapitalismus nichts per se schlechtes sind, sondern vielmehr notwendig und eine treibende Kraft der Ökonomie im Kapitalismus sind. Mit seinen drei Autoren, die sich regelmäßig sowohl zu aktuellen Ereignissen äußern, als auch tiefgreifende Analysen vorlegen, ist auch Weissgarnix mittlerweile ein erweitertes Weblog mit Portalcharakter, ähnlich dem noch größeren Carta. Weissgarnix bietet zudem ein Forum, in dem sich die Leser über aktuelle Themen und Blogbeiträge austauschen können.

Allgemeine Merkmale

Bei der Durchsicht der deutschen Blogcharts fällt auf, dass sich der Großteil der politischen Blogs als kritisch und eher politisch links orientiert versteht. Das geht einher mit der Selbsteinschätzung der Blogosphäre, in der die meisten Blogger anerkennen, dass die sogenannte „Netzcommunity“ zum Großteil aus linken, progressiv orientierten Menschen besteht. 

Eine schöne Übersicht über das deutsche politische Web und die Verbindungen zwischend den Seiten liefert das Wahlradar. Wie Mathias Richel anmerkt zeigt sich in dieser Visualisierung sehr deutlich, dass die konservativen Webseiten und Blogs (im Bild blau), an den Rand gedrängt sind und hinsichtlich Verlinkungen auch in den Medien (weiße Punkte) kaum eine Rolle spielen. Wie Sascha Lobo feststellt, könnte dieser Trend jedoch derzeit kippen – die hunderttausenden Unterstützer des Plagiators Guttenberg auf Facebook scheinen zu zeigen, dass die Konservativen auch im Netz angekommen sind.


Übersicht über das deutsche Politische Web (Quelle: Screenshot Wahlradar.de)

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2 Antworten zu “Analyse politischer Blogs

  1. Viel Erfolg für das Semester.
    Es fällt auf, dass es zwar „deutschsprachig Blogosphäre“ heißt, aber nur bundesdeutsche Blogs benannt wurden. Wie steht es um die österreichische netzpolitische Bloglandschaft? Beste Grüße aus Berlin.

  2. Richtiger Hinweis, ich habe das geändert. Die österreichische Bloglandschaft geht (zumindest meinem Eindruck nach) etwas unter – relativ bekannt ist hier Kobuk!, ein schönes Watchblog ähnlich dem Bildblog. Zum Themenbereich Netzpolitik kenne ich nur e-comm von Thomas Lehofer und das Blog von Helge Fahrnberger, der für Kobuk verantwortlich ist.

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