Auf der Civilmedia

Sozialer Wandel durch Community Media – nicht weniger hatte sich die diesjährige Civilmedia Conference in Salzburg auf die Fahnen geschrieben. Vom 14. bis 16. April fand die Konferenz mit über 160 eingetragenen Teilnehmern in der alten Druckerei in der Bergstraße statt. Unter dem Motto „Community Media for Social Change: Low Threshold – High Impact“ fanden sich Wissenschaftler und Praktiker zusammen, um über Bürgermedien, partizipative Kultur und freie Medienproduktion zu diskutieren.

Im Zentrum der Konferenz stehen die Auswirkungen von Bürger- und Alternativmedien auf soziale Bewegungen und das politische Klima. In diesem Jahr wurde besonderer Wert auf die Praxis gelegt – konkrete Formen alternativer Medienproduktion, „Do-it-yourself“-Produktion mit Schwerpunkt Online. Damit war die Civilmedia 2011 im Kontext der Revolutionsbewegungen in der arabischen Welt dieses Jahr besonders aktuell.

Das Programm (pdf) war dichtgedrängt und die Vorträge und Diskussionen verteilten sich auf zwei Räume, was leider zu einer Vielzahl von Überschneidungen führte und man daher einige interessante Vorträge nicht hören konnte. Auf der Dokumentationsseite zur Konferenz lassen sich jedoch alle Vorträge nachhören und teilweise auch ansehen.

John Downing: Nanomedia

Am ersten Konferenztag habe ich mich für einen Vortrag von John Downing (University of Tampere, Finnland) entschieden, der zum Thema „Nanomedia: ‘Community’ Media vs. ‘Social Movement’ Media?“ referierte und anschließend in einem angeregten Q&A mit dem Publikum diskutierte.

Downing ist einer der bekanntesten und weltweit renommiertesten Wissenschaftler auf dem Gebiet der Alternativmedien. Bekannt ist er unter anderem durch seinen Band „Radical Media: rebellious communication and social movements.“ (vgl. Downing 2001)

Sein Vortrag am Donnerstag konzentrierte sich zunächst auf eine begriffliche Diskussion. Downing verzichtet auf den Begriff „Social Movement Media“ oder „Community Media“ zugunsten des Begriffs „Nanomedia“. Darunter fasst er alle nicht-Mainstream Medien zusammen, ohne Implikationen über die Nutzung oder Produktion dieser Medien – „it is simply a collective term“. In der teilweise ermüdenden sozialwissenschaftlichen Begriffsdiskussion nimmt Downing damit eine erfrischende Position ein – seine Begründung für die Verwendung von „Nanomedia“: „mostly for convenience“. Mit dem Begriff will er eine Engführung vermeiden, da „Community Media“ und „Social Movement Media“ falsche Annahmen beinhalten können und falsche bzw. zu kurz greifende Assoziationen wecken.“Nanomedia“ ist ein passender Begriff, da er die Medien von ihrem Zweck löst – Soziale Bewegungen bringen Nanomedien hervor und brauchen sie, ebenso wie Nanomedien als „Community Media“ in vielen westlichen Industriestaaten entstehen, um die wachsende Kluft zwischen Staat und seinen Bürgern zu füllen.

Nach der begrifflichen Diskussion erklärte Downing anhand einiger Beispiele diese Konzeption von Nanomedien genauer. So konnten etwa arme Migrantinnen aus Bogotá mit Hilfe von Videoequipment eigene kurze Filme und Beiträge über ihre Lebenswelt in Bogotás Armenviertel drehen. Diese Filme wurden in der Nachbarschaft vorgeführt und es entwickelte sich so eine Art super-lokales „Fernsehen“. Die Frauen konnten durch ihre Arbeit an den Videoproduktionen nicht nur technische, sondern auch soziale Kompetenzen wie Führungsqualitäten etc. erwerben. Auch eine so kleine soziale Bewegung kann also mit Hilfe von Nanomedien erfolgreich sein. Mit diesem Beispiel will Downing illustrieren, dass das häufig angelegte Effektivitätskriterium der großen geographische Verbreitung von Alternativmedien zu kurz greift. Nanomedien können in sehr spezifischen Kontexten zum „Empowerment“ von teilweise sehr kleinen Gruppen eingesetzt werden.

Q&A

In der anschließenden Diskussionsrunde wurde von vielen TeilnehmerInnen die aktuelle Situation der sozialen Bewegungen in der arabischen Welt aufgegriffen und teilweise auch kritisch hinterfragt. So wurde etwa mit dem Schlagwort des „urban divide“ kritisiert, dass Smartphones, Facebook, YouTube, Twitter und Co. zwar eine wichtige Rolle bei sozialen Bewegungen spielen können, aber in vielen Gegenden schlicht nicht verfügbar sind.

Nachtrag: Ein ähnliches Beispiel wie das von John Downing zu dem Videoprojekt der Frauen in Bogotá ist ein Lokalfernsehprojekt in Indien, das in diesem Beitrag vorgestellt wird: http://mediathek.daserste.de/sendungen_a-z/329478_weltspiegel/7168548_indien–neue-macht-f-r-m-dchen?buchstabe=W

Literatur/Quellen:

Downing, John (2011): Nanomedia: ‘Community’ Media vs. ‘Social Movement’ Media? Vortrag auf der Civilmedia Conference, Salzburg, 14.4.2011. Audio:  http://civilmedia11.posterous.com/?sort=&search=nanomedia

Downing, John (2001): Radical Media: rebellious communication and social movements. London: Sage.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s