Cyberaktivismus – Teil 1: Theoretische Reflexion

Der Begriff des Cyberaktivismus wird in der wissenschaftlichen Literatur wie in der populären Diskussion nicht trennscharf verwendet. Verwandte Begriffe sind etwa Cyberprotest (vgl. Rucht 2005: 3), online activism (vgl. Vegh 2003: 71), Hacktivism, E-Protest (vgl. Wikipedia: Cyberaktivismus) etc. Gemeinsam ist allen Begriffen, dass sie die Aktionen von zivilgesellschaftliche Bewegungen bzw. Akteuren beschreiben, die mit Hilfe des Internets ihre politischen Vorstellungen durchzusetzen versuchen (vgl. McCaughey/Ayers 2003: 1). Konkret fallen darunter etwa die Einrichtung von Webseiten zur Information, Online-Petitionen, Online-Diskussionen, Organisation von Offline-Protesten und Formen des digitalen zivilen Ungehorsams wie virtuelle Sit-Ins o.ä. (vgl. McCaughey/Ayers 2003: 1).

Cyberprotest – Formen und Möglichkeiten

Vegh (vgl. im Folgenden 2003: 72-84) identifiziert drei Dimensionen von Onlineaktivismus:

  • Awareness/Advocacy: Eine politische Bewegung nutzt Online-Tools um Aufmerksamkeit für ihre Anliegen zu gewinnen – z.B. Webseiten  als alternative Informationsquellen.
  • Organization/Mobilization: Das Internet wird zur Mobilisierung für politische Proteste genutzt. Diese Proteste können sowohl Offline- als auch Online durchgeführt werden, dazu zählen sowohl Demonstrationen als auch Online-Petitionen (eLobbying).
  • Action/Reaction: Offensivere Varianten des Onlineprotests, wie Aktionen des Hacktivism etc.

Mit den Formen des Online-Protests und der Partizipation via Internet verbinden sich viele Hoffnungen sozialer Bewegungen. Durch das Internet verspricht man sich schnelle, unkomplizierte und billige Vernetzung, das Fehlen von Gatekeepern und der universelle Zugang verheißen eine egalitäre Kommunikationsinfrastruktur und das Auflösen traditioneller Macht- und Herrschaftsstrukturen (vgl. Rucht 2005: 4). Mit den Möglichkeiten des Internet können Protestbewegungen und sogar Einzelpersonen – so das Ideal – besser als je zuvor Aufmerksamkeit erregen (vgl. ebd.). Hier kommen Vorstellungen von einer Öffentlichkeit im Habermas’schen Sinne zum Tragen, in der im herrschaftsfreien Diskurs allein das bessere Argument zählt.

Grenzen des Cyberprotests

Diese Erwartungshaltung an das Internet wurde vielfach kritisiert. Auch die tägliche Praxis zeigt andere Entwicklungen. Als problematisch hat sich vieles herausgestellt, ich möchte daher nur drei zentrale Punkte herausgreifen:

  • Auch im Internet bestehen Herrschaftsstrukturen. Suchmaschinen wie Google bestimmen zu einem Großteil darüber, was die Nutzer im Internet finden – und hinter Google u.a. stehen primär kommerzielle Interessen (vgl. Rucht 2005: 9)
  • Die Problematik des Digital Divide gilt auch für politische Deliberation im Internet – Einige Menschen haben keinen Zugang oder nicht die nötige Medienkompetenz, um ihn zu nutzen (vgl. ebd.: 11).
  • Online-Protest macht wenig Eindruck. Eine Online-Petition, die dem Nutzer nur einen Klick abverlangt, entwickelt wesentlich weniger Einfluss als eine gut besuchte Demonstration (vgl. ebd.). Zumal ein großer Online-Protest noch nicht bedeutet, dass die Menschen auch tatsächlich bereit sind, sich mit Zeit und Engagement für eine Sache einzusetzen, wie die spärlich besuchten Pro-Guttenberg Demonstrationen im Vergleich zu seinen hunderttausenden Unterstützern auf Facebook gezeigt haben.

Cyberaktivismus darf daher nicht überschätzt werden sondern muss hinsichtlich seiner Möglichkeiten und Grenzen fallbezogen analysiert werden. Wie auch die Revolutionen im arabischen Raum gezeigt haben, ist reiner Online-Protest nicht sinnvoll, das Internet muss vielmehr als ein komplementäres Element bei der Organisation und Mobilisierung von Protesten sowie der Information über politische Anliegen verstanden werden.

Literatur:

McCaughey, Martha/ Ayers, Michael D. (2003): Introduction. In: dies. (Hg.): Cyberactivism. Online Activism in Theory and Practice. London, Routledge, S. 1-21.

Rucht, Dieter (2005): Cyberprotest – Möglichkeiten und Grenzen netzgestützter Proteste. Online unter: http://www.computec.ch/request.php?641&token=130799 (13.6.2011)

Vegh, Sandor (2003): Classifying Forms of Online Activism: The Case of Cyberprotests against the World Bank. In: McCaughey, Martha/ Ayers, Michael D. (Hg.): Cyberactivism. Online Activism in Theory and Practice. London, Routledge, S. 71-95.

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Eine Antwort zu “Cyberaktivismus – Teil 1: Theoretische Reflexion

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