Cyberaktivismus Teil 2 – Das Beispiel Campact.de

Politische Beteiligung ist in. Doch die etablierten Kanäle – politische Parteien – werden dafür nicht mehr so häufig genutzt. Politik heute verläuft nicht mehr entlang ideologischer Leitlinien wie Sozialdemokratie, Konservativismus oder Liberalismus, sondern individualisiert und themenbezogen. Wer heute gegen Atomkraft ist, kann ebenso für Einschränkungen am Sozialstaat sein. Die Grenzen zwischen politischen Lagern, zwischen links und rechts verschwimmen zusehends.

Das politische System ist auf diese Entwicklung jedoch nicht vorbereitet. Mitbestimmung beschränkt sich derzeit auf ein Kreuz am Wahlzettel, alle vier oder fünf Jahre. Oder auf die Mitarbeit auf lokaler Ebene, in Ortsvereinen und  Bürgerinitiativen, sowie auf den gelegentlichen Bürgerentscheid. So ist es nicht verwunderlich, dass die Wahlbeteiligung stetig sinkt – die Menschen haben zusehends weniger Interesse, sich an eine Partei zu binden, die ihre Interessen nur zum Teil widerspiegeln kann.

Dabei ist politisches Interesse durchaus vorhanden. Wie eine Studie der Bertelsmann-Stiftung ergab, haben 81 Prozent der Deutschen den Wunsch nach mehr Beteiligungsmöglichkeiten für die Bürger (vgl. Bertelsmann Stiftung 2011). Ganz oben stehen dabei Verfahren der direkten Demokratie, wie Volksentscheide oder Bürgerbegehren, immerhin noch rund 50 Prozent halten Internet-Umfragen bzw. -Petitionen für sinnvoll und erstrebenswert (vgl. ebd.). Diese Zahlen dürften mit der immer noch zunehmenden Verbreitung von Internetanschlüssen und dem „Nachwachsen“ der digital natives jedoch noch signifikant steigen.

Das Beispiel Campact

Ein Beispiel für eine solche Form der Online-Partizipation bzw. des Cyberaktivismus ist die Seite Campact.de. Campact ist ein nationales Netzwerk in Deutschland, das Kampagnen zu aktuellen politischen Themen organisiert, und den Menschen dabei Teilhabe ermöglicht – von der Unterzeichnung einer Online-Petition bis hin zur Demonstration.

Damit bedient Campact die ersten beiden Dimensionen des Cyberaktivismus nach Vegh, Awareness/Advocacy und Organization/Mobilization. Das Netzwerk kann damit als Informations- und Mobilisierungsnetzwerk für politisches Engagement charakterisiert werden.

Campact selbst ist ein Verein, der nach eigenem Ermessen Themen aufgreift und Kampagnen dazu startet. In seinen eigenen Worten setzt sich Campact für „eine sozial gerechte, ökologisch nachhaltige und friedliche Gesellschaft“ (Campact 2011) ein. Derzeit betreibt der Verein Kampagnen für nachhaltige Agrarpolitik, gegen Atomkraft, für strengere Klimaschutz-Auflagen und gegen Vorratsdatenspeicherung im Internet. Dabei arbeitet das Netzwerk mit verschiedenen Fachverbänden zusammen, wie etwa dem Bund Naturschutz oder dem AK Vorrat.

Ballonaktion gegen genmanipulierte Lebensmittel

Campact-Aktion gegen genmanipulierte Lebensmittel -mit Hinweis auf die Campact-Homepage rechts im Bild

Kaffeepausen-Partizipation

Eine Idee hinter dem Projekt ist es, Online-Unterstützer anzusprechen, die sich zwar politisch engagieren wollen, aber weder viel Zeit, noch viel Involvement dafür aufbringen wollen oder können (ab 7:57):

Damit bedient Campact den Wunsch nach mehr politischer Mitbestimmung, die sich allerdings häufig auf eine Kaffeepausen-Mitbestimmung reduziert. Eine Online-Petition ist schnell unterzeichnet, ob daraus aber echtes politisches Engagement resultiert, bleibt fraglich. Wie im obigen Video von Andreas Jungherr kritisiert wird, muss man sich fragen, ob das wirklich politischer Aktivismus ist, oder Politik als Konsum. Campact sammelt eine Vielzahl an Kampagnen, und wer gerade fünf Minuten Zeit hat, kann sich auf der Homepage etwas interessantes herauspicken und politisches Engagement vorgaukeln.

Nimmt man eine etwas weniger pessimistische Sichtweise auf dieses Phänomen ein, so könnte man Seiten wie Campact auch als eine neue, zeitgemäße Form der politischen Mitbestimmung sehen. Wie bereits angesprochen sind  politische Meinungen heute fragmentiert und themenbezogen, zudem besteht der Wunsch nach Mitbestimmung, häufig fehlt aber die Zeit und die Lust zum Engagement. Für diese Zielgruppe bieten Plattformen wie Campact zumindest einen Hauch von Partizipation und die Möglichkeit, sich abseits von Wahlen politisch zu äußern.

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