Reflexion zur Diskussion am 7.12.

Hier findet Ihr meine Präsentation von vergangener Woche: Jugend und politische Partizipation im Internet

Das Thema hat sich als eine gute Grundlage für eine fruchtbare Diskussion erwiesen. Ausführlich diskutiert wurden u.a. folgende Fragen:

1. Die Frage des Partizipationsbegriffes

Analog zur unklaren Definition des Begriffes „Partizipation“ oder auch „politische Partizipation“ in der Literatur, herrschten auch im Seminar unterschiedliche Vorstellungen von Partizipation vor. Angesprochen wurde hier u.a. die Breite des Begriffes. So könnten etwa Castingshows unter einem weiten Partizipationsbegriff gefasst werden, weil den Zuschauern ein Mitspracherecht bei der Wahl der Kandidaten eingeräumt wird. Eine solche Betrachtung blendet aber aus, dass die Partizipationsmöglichkeiten hier stark eingeschränkt sind. Kandidaten werden entsprechend ihrer Rollen gecastet und entsprechend inszeniert (vgl. Klaus/O’Connor 2010:52), so dass die Castingshow als Reality-Format und nicht als realer Wettbewerb zu verstehen ist. Zudem dient die „Partizipation“ der Zuschauer primär kommerziellen Zwecken.

Diskutiert wurde außerdem die normative Kraft des Begriffes Partizipation. So wurde festgehalten, dass Partizipation als Begriff positiv konnotiert ist, allerdings auch entlang von Machtstrukturen definiert ist. Inhalte werden dabei selten hinterfragt bzw. angesprochen, so dass sich unter dem Label „gesellschaftliche Partizipation“ auch Phänomene der hatespeech verstecken (siehe hierzu das Blog der Kollegin Laura Gruber). Zudem ist „politische Partizipation“ kein „neutraler“ Begriff, sondern ideologisch aufgeladen. Insbesondere im Bildungs- und Erziehungsbereich (Schulen etc.) ist politische Partizipation gleichgesetzt mit Teilhabe am bestehenden politischen System. Widerständige, alternative Gesellschaftsentwürfe finden hier nur selten Platz.

Als Ergebnis zeigt sich, dass auch in die kommentierte Literaturliste zunächst Beiträge aufgenommen werden müssen, die sich mit dem Begriff der (politischen) Partizipation beschäftigen. Einen Ausgangspunkt bietet hier Wagner (2010).

2. Der Zusammenhang von offline- und online-Partizipation

Ausgehend vom zu lesenden Text haben wir uns im Seminar die Frage nach dem Zusammenhang von offline- und online-Partizipation bei Jugendlichen gestellt. In der Untersuchung von Bakker/deVreese wurde ein wechselseitiger Zusammenhang zwischen Internetnutzung und politischer Partizipation identifiziert, der wohl mit der Einbettung des Internet im Alltag Jugendlicher zusammenhängt. Jugendliche und junge Erwachsene nutzen das Internet umfassend und in allen seinen Facetten, sie haben es „als selbstverständlichen Bestandteil in ihren (Medien-)Alltag integriert“ (Schmidt 2009: 62). So nutzen sie das Internet auch selbstverständlich, um ihre politische Meinung kund zu tun (etwa über Facebook-Gruppen oder -Seiten, Kommentare auf Nachrichtenseiten usw.). Dies wird von den Jugendlichen selbst nicht hinterfragt, sie nutzen diesen Kanal wie jeden anderen auch. Es ist daher zu fragen, ob es gerade für Jugendliche Sinn macht, überhaupt zwischen online- und offline-Partizipation zu trennen, da beide Bereiche im Alltag der Jugendlichen eng zusammenhängen und von ihnen selbst nicht getrennt gesehen werden. Was offline passiert, wird online verlängert und vice versa – eine strikte Trennung würde der Realität nicht gerecht.

3. Kritik zum Text

Zum Text wurden einige Kritikpunkte laut, die so in meiner Rezension noch nicht ausreichend berücksichtigt wurden. So wurde die Operationalisierung von „politischer Partizipation“ kritisiert, die von den Autoren sehr konservativ umgesetzt wird und primär Dinge wie das Lesen politischer Blogs, Kommentieren, e-Petitionen etc. umfasst. Social Networks oder das Führen von Blogs spielen etwa kaum eine Rolle. Die Autoren entziehen sich zudem einer genauen Definition von „political participation“, plädieren allerdings für einen weiten Politikbegriff.

Zudem wurde die Problematik der Faktorenanalyse angesprochen, die dem Artikel zugrunde liegt.  Die Zuordnung der Variablen zu Faktoren erfolgt rein mathematisch, eine hohe Korrelation muss aber noch nicht zwangsweise auch eine sinnvolle Zuordnung bedeuten. Die „Namen“ die den Faktoren anschließend gegeben werden, sind außerdem willkürlich von den Forschern festgelegt. Des weiteren sind die loadings der Faktoren meist nicht eindeutig, Variablen laden häufig auf mehrere Faktoren. Es gibt daher bei jeder Faktorenanalyse eine riesige Menge an mathematisch richtigen Lösungen (vgl. Bortz/ Schuster 2010: 396).

Empfehlenswert wäre eine Fortsetzung der Studie, bei der auch qualitative Verfahren zum Einsatz kommen. Die Motive und genauen Vorgehensweisen Jugendlicher bei politischer Partizipation im Internet sind noch relativ unerforscht.

4. Das Beispiel Piratenpartei: Jugendpartei oder digitale Bohème?

Die Piratenpartei wurde in meiner Präsentation als eine „jugendliche Partei“ vorgestellt, die das niedrigste Durchschnittsalter und die jüngsten Wähler unter allen relevanten Parteien in Deutschland haben. Es stellte sich daher die Frage, ob die Piratenpartei eine „Jugend-Partei“ ist, die ein „jugendliches“ Politikverständnis etablieren kann, auch da sie intensiv Online-Tools für politische Partizipation einsetzt.

Im Seminar wurde diese Einschätzung skeptisch gesehen, der Piratenpartei wurden die Vorwürfe der „Einthemenpartei“ bzw. der Themenlosigkeit, der „Protestpartei“ für Wechselwähler und des Sammelbeckens der von anderen Parteien Enttäuschten gemacht.

Literatur:

Bortz, Jürgen/ Schuster, Christof (2010): Statistik für Human- und Sozialwissenschaftler. 7., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Berlin u.a.: Springer.

Klaus, Elisabeth/O’Connor, Barbara (2010): Aushandlungsprozesse im Alltag:
Jugendliche Fans von Castingshows. In: Röser, Jutta/Thomas, Tanja/Peil, Corinna (Hg.): Alltag in den Medien – Medien im Alltag. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 48-72.

Schmidt, Jan (2009): Das Social Web als Ensemble von Kommunikationsdiensten. In: Schmidt, Jan-Hinrik/Paus-Hasebrink, Ingrid/Hasebrink, Uwe (Hg.): Heranwachsen mit dem Social Web. Zur Rolle von Web 2.0-Angeboten im Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Schriftenreihe Medienforschung der LfM Band 62. Berlin: Vistas, S. 57-82.

Wagner, Ulrike (2010): Partizipation mit und über Medien. In: medien + erziehung, 54. Jg., H. 5/2010, S. 11-17.

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4 Antworten zu “Reflexion zur Diskussion am 7.12.

  1. Hallo,
    zu deiner Reflexion möchte ich ein paar Dinge anmerken:
    ad 1) Partizipationsbegriff: Für mich persönlich ist der Begriff >Partizipation< ebenfalls positiv konnotiert. Eine Castingshow sehe ich jedoch grundsätzlich ganz und gar nicht partizipativ. Wenn es nur darum geht, dass ein Jugendlicher für einen anderen Jugendlichen votet, dann ist das für mich eher eine spontane Äußerung. Partizipation ist für mich eine initiativ, "pro-aktive" als auch interaktive Form der Meinungsäußerung und Willenserklärung.

    ad 2) online – offline Partizipation: Die Gründe, warum Menschen das Internet nutzen, sind vielfältig. Meiner Meinung nach nutzen Jugendliche und junge Erwachsene das Internet vor allem, um ihr Identitäts-, Informations- u. Beziehungsmanagement zu forcieren. Diese drei Ebenen hängen mit Partizipation eng zusammen. Ob eine strikte Trennung von offline und online Partizipation zielführend ist, hängt von der Perspektive des Betrachters ab (als auch von der Fragestellung, die ich verfolge). Für viele Menschen verschwimmen die Grenzen zwischen online und offline Partizipation. Auch ob ich eine Petition vor Ort oder online unterzeichne ist meiner Meinung nach eher nebensächlich. Warum sich jemand daran beteiligt und welche Gründe er/sie damit verfolgt, sind entscheidend.

    LG, Christina

  2. Pingback: Reflexion zur Präsentation „E-Democracy“ « crookedsherpas

  3. Zum Partizipationsbegriff:
    Ich denke, anders als Christina, dass man das Voten in einer Casting-Show sehr wohl als Partizipation bezeichnen kann. Es kommt -wie so oft- ganz auf die Perspektive an. Nimmt man die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs „Partizipation“ so kommt man auf Synonyme wie „Teilhabe“, „Mitbestimmung“ oder „Mitwirkung“. Dies stellt meiner Meinung nach keinen Widerspruch zum Voten in einer Castingshow dar, da es sich auch hier um die Mitbestimmung bzw. die Einbindung in einen Entscheidungsprozess handelt. Im Endeffekt handelt es sich ja zumindest grundlegend um den gleichen Ablauf wie bei Wahlen in einer Demokratie. Und werden nicht auch die Politiker – ebenso wie die Teilnehmer einer Castingshow, wie Fabian erwähnt hat- ihren Rollen nach gecastet und inszeniert? 😉 Soweit zu einem breitgefassten Partizipationsbegriff.
    Anders sieht das Ganze natürlich aus, wenn wir die Partizipation als politische Partizipation betrachten. Auch hier gab es Diskussionen innerhalb der Lehrveranstaltung. Meiner Meinung nach stellt sich auch hier wieder die Frage, was denn genau unter politischer Partizipation verstanden wird. Sieht man diesen Begriff eng in Zusammenhang mit institutionalisierten „Beteiligungsräumen“, so können nur Aktionen wie beispielsweise das Wählen einer Partei als Partizipation gesehen werden. Was ist dann aber mit dem gegenseitigen Austausch über das abstrakte Konzept „Politik“ am Frühstückstisch? Und an dieser Stelle muss ich sagen, dass Christinas Ansicht zur Unterscheidung von online und offline Partizipation auch hier greift: Es kommt auf die Fragestellung an. Wie eng oder wie weit man politische Partizipation oder Partizipation an sich bezeichnet hängt ganz davon ab welches Phänomen man untersuchen oder beschreiben will. Eine einzige gültige Definition wäre hier sicher nicht zielführend und würde in vielen Fällen auch nicht greifen.

    Fabian, zu deiner Anmerkung, dass alternative oder widerständige Gesellschaftsentwürfe nur selten mit Partizipation konnotiert sind, ist mir etwas eingefallen. Hast du schon einmal von Hans Martin Uehlinger gehört? Uehlinger hat nämlich in den 80er Jahren verschiedene Ebenen von Partizipation definiert und in seinen Katalog auch ziviles Ungehorsam und Gegenbewegungen aufgenommen. Vielleicht hilft die dieser Tipp ja auch dahingehend etwas in dieser Richtung in deine Literaturliste aufzunehmen.

  4. Liebe Carla,
    vielen Dank für deine guten Anmerkungen und insbesondere für den Hinweis auf Uehlinger, den werde ich mir anschauen. Natürlich kann man Partizipation im Wortsinne verstehen, dann kann auch das Voten bei einer Castingshow als Partizipation am Ausgang der Show verstanden werden. Dann ist allerdings auch die Abstimmung in der Familie, ob es Fleisch oder Fisch zu Abend gibt, eine Form von Partizipation.
    Bezieht man sich auf politische Partizipation (was ich ja tue), muss man denke ich ein wenig höher ansetzen und sollte sich nicht in Grundsatzdiskussionen verlieren.

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