Rezension: Politische Partizipation über soziale Netzwerkdienste

Wettstein, Martin (2010): Politische Partizipation über Soziale Netzwerkdienste. Qualitative und quantitative Charakterisierung der Facebook-Gruppe als Mittel zur politischen Meinungsäußerung und Partizipation. In: Medien Journal. Europas Jugend im Social Web: Soziale Perspektiven, 34. Jg.,H. 3/2010, S. 4-21.

Martin Wettstein untersucht in seinem Artikel die Facebook-Gruppe als Instrument der politischen Partizipation und geht der Frage nach, „inwiefern sich die Gruppenfunktion Sozialer Netzwerkdienste zur politischen Partizipation eignet“ (Wettstein 2010: 5).

Ein Schwerpunkt des Artikels ist die Vorstellung eines quantitativen Untersuchungsinstruments für solche Gruppen, bei dem Wettstein die Wachstumskurven der Mitgliederzahlen analysiert und diese in Bezug zur Beitrittsmotivation setzt. Kernidee des Modells ist, dass die Mitgliederzahlen von Gruppen mit intrinsischer Beitrittsmotivation schnell ansteigen und dann abflachen, während die Mitgliederzahlen von Gruppen mit extrinsischer Beitrittsmotivation (also motiviert durch Beitritte von Freunden aus dem sozialen Netzwerk) langsam anwachsen.

Zusätzlich untersucht Wettstein mittels teilnehmender Beobachtung die Diskussionen in den Gruppen und kommt zu dem Ergebnis, dass Diskussionen nur vereinzelt stattfinden. Die Gruppen fungieren eher als virtuelle Buttons oder „Stoßstangen-Aufkleber“, die eine politische Meinungsäußerung an das soziale Netzwerk  darstellen und somit der Selbstdarstellung der Nutzer dienen. Anhand mehrerer Beispiele von Gruppen zum Minarett-Verbot in der Schweiz zeigt Wettstein mit seinem Diffusionsmodell, dass bei den meisten Gruppen eine starke intrinsische Beitrittsmotivation vorherrscht. Lediglich bei Gruppen mit radikalem Titel besteht eine starke extrinsische Motivation, Nutzer treten hier erst bei, wenn es auch andere aus ihrem sozialen Netzwerk tun.

Der Artikel ist in einem Sonderheft zu Jugend im Social Web erschienen, weist jedoch keinerlei Bezug zu Jugendlichen auf – der einzige Hinweis auf Jugend ist, dass vor allem Jugendliche Facebook-Gruppen zur politischen Meinungsäußerung verwenden. Diese Behauptung bleibt zudem ohne Beleg. Auch eine Reflexion des Begriffs der (politischen) Partizipation findet nicht statt, Wettstein gibt lediglich äußerst knapp den Forschungsstand zu politischer Partizipation im Internet wieder.

Die Idee, Facebook-Gruppen (oder andere Anwendungen auf Social Networking Sites) über die Wachstumskurven der Mitgliederzahlen zu analysieren, ist jedoch innovativ und verspricht einige interessante Anwendungsmöglichkeiten, insbesondere bei längerfristiger Beobachtung. Ob jedoch aus der Beobachtung der Wachstumskurven tatsächlich valide Rückschlüsse auf die Beitrittsmotivation gezogen werden können, scheint zumindest fraglich.

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