Rezension: Zur politischen Partizipation von Jugendlichen im Kontext neuer Medien

Paus-Hasebrink, Ingrid (2008): Zur politischen Partizipation von Jugendlichen im Kontext neuer Medien — Aktuelle Ansätze der Jugend(medien)forschung. In: Moser, Heinz/ Sesink, Werner/ Meister, Dorothee/ Hipfl, Brigitte/ Hug, Theo (Hg.): Medien. Pädagogik. Politik. Jahrbuch Medienpädagogik 7. Wiesbaden, VS Verlag, S 133-150.

Der Sammelbandbeitrag von Ingrid Paus-Hasebrink beschäftigt sich aus einer theoretischen und methodologischen Perspektive mit dem gegenwärtigen Stand der Jugendmedienforschung in Bezug auf politische Partizipation Jugendlicher. Dabei stellt die Autorin zunächst klar, dass der Beitrag auch als ein „Plädoyer für Veränderungen in der Jugend(medien)forschung“ (Paus-Hasebrink 2008: 133) zu verstehen ist.

Ausgehend von einer überzeugenden Reflexion des Forschungsstandes und der kurzen Vorstellung einschlägiger Studien argumentiert Paus-Hasebrink für einen breiten Politikbegriff, der auch Beteiligung abseits des  institutionalisierten Politikbetriebs und abseits der Kernthemen Innen- und Außenpolitik sowie Wirtschaftspolitik mit in den Blick nimmt. Das Internet ist dabei für Jugendliche ein ideales Instrument, das viele Möglichkeiten zur Teilhabe bereithält. Ihre politische Partizipation ist geprägt von Individualisierung, ist „flüchtig und geprägt von Spontaneität“ (ebd.: 136).

Besonders hervorzuheben ist der breite theoretische Rahmen, in den Paus-Hasebrink ihre Überlegungen stellt. Sie versteht die aktuellen Tendenzen in der Art und Weise, wie Jugendliche das Internet zur politischen Mitbestimmung nutzen, als Folge reflexiver Modernisierungsprozesse nach Ulrich Beck (vgl. Beck/Sopp 1997), der starke Individualisierungstendenzen im Sinne vom Verlust der ‚Normalbiographie‘ hin zur ‚Wahlbiographie‘ ausmacht. Zusätzlich bezieht Paus-Hasebrink den Ansatz der Selbstsozialisation mit ein, der besagt, dass Jugendliche sich in Zeiten der „Veränderungen und Erosionen von Institutionen (auch politischen)“ (ebd.: 137) bemühen, Unsicherheit zu reduzieren. Diese theoretischen Ansätze sind in ihrer Reichweite jedoch nicht ausreichend, weshalb die Autorin gleichzeitig darauf hinweist, dass Ungleichheit und soziale Segmentierung ebenfalls berücksichtigt werden müssen.

Sie kritisiert anschließend berechtigterweise die quantitativen Studien zur politischen Beteiligung Jugendlicher, die sich häufig auf Single-Item Fragen beschränken und Felder wie Jugendpolitik, Gesundheits- und Umweltpolitik tendenziell außen vor lassen. In ihrem zum Einstieg angekündigten Plädoyer argumentiert die Autorin für eine Integration der Begriffe Soziales Milieu, Habitus, Erleben, Orientierung und Identität in die Jugend(medien)forschung. Politik soll demnach nicht länger als ‚Hohe Politik‘ verstanden werden, sondern als eingebettet in die Alltagskultur der Jugendlichen und das jeweilige Politikverständnis als geprägt von sozialem Milieu und Habitus, die Partizipation gleichsam als Suche nach Orientierung und Teil der Identitätsgenese verstanden werden. Die Autorin plädiert dafür, dass die Jugendforschung die Perspektive der Jugendlichen einnehmen und „von dem ausgehen [soll], was Jugendliche als Politik verstehen“ (ebd.: 147).

Nicht näher eingegangen wird auf den Begriff der Partizipation, der im Kontext der hier vorgestellten theoretischen Herangehensweise sicher in einer angemessenen Art definiert werden könnte.

In ihrem Beitrag thematisiert Paus-Hasebrink die wesentlichen Probleme der Forschung zu politischer Partizipation Jugendlicher und plädiert für einen breiten Politikbegriff, ebenso wie für einen Perspektivwechsel zu den Jugendlichen. Als Einstieg in das Thema, ebenso als Überblick über relevante theoretische Herangehensweisen, die empirische Forschung unterfüttern können, ist der Beitrag daher bestens geeignet. Zudem schärft er den Blick für problematische Studien mit nicht mehr angemessenen theoretischen und methodischen Herangehensweisen und ist daher ein zentraler Beitrag für das Forschungsfeld.

Literatur:
Beck, Ulrich/ Sopp, Peter (Hg.) (1997): Individualisierung und Integration. Neue Konfliktlinien und neuer Integrationsmodus. Opladen: Leske und Budrich.

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