Rezension: Interactivity and participation on the internet

Livingstone, Sonia (2007): Interactivity and participation on the Internet. Young people’s response to the civic sphere. In: Dahlgren, Peter (Hg.): Young Citizens and New Media. Learning for Democratic Participation. New York: Routledge, S. 103-124.

Sonia Livingstones Beitrag präsentiert die zentralen Ergebnisse bezüglich Partizipation aus dem Forschungsprojekt UK Children GO Online (UKCGO), das sich mit der Internetnutzung von 9-19 Jährigen beschäftigt hat. Dabei wählt sie einen triangulativen Ansatz und kombiniert Ergebnisse aus Interviews mit Mitarbeitern von Jugend-Organisationen, Fokusgruppeninterviews mit Jugendlichen und einer quantitativen Umfrage unter Jugendlichen und ihren Eltern (n=1511 bzw n=906), aus der eine Typologie der Jugendlichen hinsichtlich ihrer Partizipation im Netz entwickelt wird.

Der Beitrag hat zum Ziel, die Ergebnisse der Studie vorzustellen, und verweist an einigen Stellen auf weiterführende Publikationen und Informationen zum Projekt. So ist es auch zu verschmerzen, dass im Beitrag selbst wenige Informationen über das empirische Design der Studie gemacht werden und die theoretische Fundierung sehr kurz ausfällt.

Unter den Anbietern von Partizipations-Angeboten für Jugendliche herrscht demgemäß ein großer Wille vor, Jugendliche an die Politik heranzuführen und ihnen eine Stimme zu geben, so dass sie sich in der Gesellschaft Gehör verschaffen können. Aufgrund struktureller Probleme (Budgetmangel, kaum Evaluationen) herrscht jedoch auch eine große Unsicherheit über den Erfolg der Anstrengungen vor, zudem sehen sie sich oftmals Jugendlichen gegenüber, die kein politisches Interesse haben.

Dieser Eindruck wird bestärkt durch die Ergebnisse aus den Gruppeninterviews, wo generell ein niedriges Interesse an Politik geäußert wird. Sie wird als langweilig und ‚uncool‘ abqualifiziert. Hier liegt ein methodisches Problem der Studie (das Livingstone auch anspricht), da in den Fokusgruppen ein gewisser Druck entsteht, sozial (von den Peers) erwünscht zu antworten. Politik wird als ‚uncool‘ angesehen, es ist daher verständlich, wenn sich nicht öffentlich dazu bekannt wird, ein Interesse für Politik zu haben. Die tiefere Analyse der Interviews offenbart allerdings eine große Enttäuschung unter Jugendlichen, die das Gefühl haben, nicht gehört zu werden. Nur weil die Möglichkeit besteht, etwas zu sagen, heißt es noch nicht, dass ihnen auch jemand zuhört. Soll politische Partizipation Jugendlicher gefördert werden, muss also auch an der Gegenseite angesetzt werden: „One is tempted to suggest that it is those making the invitation, not those responding to it that lack the motivation to participate“ (Livingstone 2007: 121).

Der Beitrag ist einer der wenigen, der auch qualitative Daten zur politischen Partizipation Jugendlicher im Internet bietet. Mit dieser Herangehensweise zeigen sich dann auch interessante und relevante Ergebnisse, die in einer quantitativen Studie wohl nicht gefunden worden wären. Es ist stark dafür zu plädieren, die qualitative Forschung in diesem Bereich zu forcieren und die Perspektive der Jugendlichen stärker in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken. In aktuellen Beiträgen zu (nicht nur) diesem Thema werden häufig statistische Verfahren angewendet, die zwar hoch anspruchsvoll sind, oftmals aber äußerst dürftige Ergebnisse liefern. Man ist hier geneigt, Scheufele und Engelmann (2009: 238) zu folgen, die „den Eindruck [gewinnen], dass es manche Studien auch deshalb in eine Fachzeitschrift schaffen, weil sie ein komplexes statistisches Verfahren einsetzen.“  Im Sinne engagierter Sozialforschung (vgl. Elias 1987), der auch ein soziales Anliegen zu Grunde liegt, ist der hier von Livingstone verwendete Ansatz zu begrüßen.

Literatur:

Elias, Norbert (1987): Involvement and Detachment. Contributions to the Sociology of Knowledge. With a new Introduction by the author. Oxford/New York: Basil Blackwell.

Scheufele, Bertram/ Engelmann, Ines (2009): Empirische Kommunikationsforschung. Konstanz: UVK.

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